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Shula Keshet

By Derschmidt • 22:15 • Category: KünstlerInnen

© foto: essl museum

Behieve Archive

Ich lebe immer noch in dem ärmlichen Viertel im Süden von Tel Aviv, in dem ich geboren wurde. Mein privater Hintergrund und mein privates Ringen sind die Quelle meines sozialen Aktivismus in der öffentlichen Arena. Ich widme mich in meiner Arbeit Initiativen zur Förderung sozialer Gerechtigkeit, der Verbesserung von Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten für Frauen, der Solidarität zwischen Frauen und dem Dialog zwischen jüdischen und arabischen Frauen. Mein Aktivismus vereint gesellschaftliche und kulturelle Anliegen: Frauen und Kunst, Vielfalt, Dialog und Multikulturalismus. Als Mizrachi, Feministin, Künstlerin, Kuratorin und Sozialaktivistin widme ich mich seit vielen Jahren einer innovativen Agenda in Bezug auf Genderthemen und Identität in der israelischen Politik.

In Zusammenarbeit mit einer Gruppe von Aktivistinnen war es in den letzten Jahren eines meiner Hauptanliegen, die erste feministische Bewegung der Mizrachim (Juden in Nahost/Nordafrika/Asien) ins Leben zu rufen. Die Bewegung basiert auf dem Prinzip des „Feminism of Colour“ und konzentriert sich auf wirtschaftliche, soziale, politische und kulturelle Rechte für marginalisierte Frauen aus unterschiedlichen Ethnien, wie z. B. Mizrachim, Palästinenserinnen, Äthiopierinnen, Beduinenfrauen sowie ausländische Immigrantinnen und politische Flüchtlinge. Der Name der Bewegung ist „Achoti (Schwester) – for Women in Israel“. Ich übernahm bei Achoti die Funktion des Executive Director und entwickelte einige Kulturzentren, in denen sich meine Leidenschaft für sozialen, politischen und kulturellen Aktivismus ausdrückt.

Meine Arbeit als Aktivistin ist sehr eng mit meiner Arbeit als Künstlerin verknüpft und ist auch die Quelle für kreative Inspiration. Der Kern meiner Kunst ist meine Verbundenheit mit Menschen und ihrem Kampf um Gerechtigkeit. Viele Jahre lang initiierte ich kulturelle, soziale und kommunale Bürgerprojekte zu ethnischen Themen. Ich behandle in meiner künstlerischen Arbeit immer wieder dieselben Themen, wie etwa die Auseinandersetzung mit dem Konzept der Identität und dem Archiv als Weg, Geschichte zu bewahren. Meine Kunst wird zu einem archivarischen Instrument, mit dem ich die ungeschriebene Geschichte der Mizrachim-Gemeinde und anderer nichthegemonialer Gemeinden in Israel, hauptsächlich in Arbeiterkreisen angesiedelt, dokumentiere. Diese Gemeinden ringen alle um Befreiung aus der Diskriminierung und gesellschaftliche und kulturelle Anerkennung.

Als Künstlerin setze ich verschiedenste Medien ein, etwa Fotografie, Skulptur, Malerei, Installationen und Schrift. Kunst ist für mich ein Medium, um meinen persönlichen und gesellschaftlichen Überzeugungen Gehör zu verschaffen.

In dieser Ausstellung zeige ich zwei Arbeiten. Erstens die speziell für die Schau geschaffene Installation „Beehive/Archive“ (Bienenstock/Archiv). Das Motiv des Archivs erscheint immer wieder in meiner Kunst und ist mit meiner persönlichen Biografie als Mizrachi-Frau verknüpft. Die Geschichte einer Minderheit, die mündlich von Mutter zu Tochter weitergeben wurde, wird vom Establishment in Israel normalerweise nicht niedergeschrieben. In meiner Installation verwende ich das Bild des Archivs, um die Geschichte von Minderheiten zeitnah aufzuzeichnen und eine Geschichte der Mizrachi-Frauen in Israel darzustellen. Im Archiv finden sich Texte und visuelle Informationen zu verschiedensten Elementen des Mizrachi-Feminismus, in die auch die Arbeit der Bewegung „Achoti (Schwester) – for Women in Israel“ eingebunden ist. Das Motiv des Bienenstocks symbolisiert die von Frauen geleistete Arbeit, ihre Solidarität, ihre Produkte etc. Dieses Bienenstockarchiv ist in sechseckige Fächer unterteilt. In den Fächern verwahre ich Elemente, die einen Bezug zur Geschichte und zum Narrativ der Mizrachim haben, etwa Bücher, Tagebücher, Gedichte, Fotos, Körbe, die von Israelinnen äthiopischer Herkunft hergestellt wurden, Zeichnungen, von Palästinenserinnen gefertigte bestickte Handtaschen und Kissen und vieles mehr. Sie alle sollen bei der Ausstellung nach dem Fair-Trade-Prinzip verkauft werden.

In dieser Arbeit verbinde ich das Konzept des Archivs mit dem des Bienenstocks und Bazars, da der Aktivismus der Mizrachi-Feministinnen eine räumliche Arbeit ist, die Texte und Theorie mit Aktionen verbindet.

Die zweite Installation, „There Are No Names for Things“ (Die Dinge haben keinen Namen), besteht aus einem Tisch, auf dem 84 Würfel wie ein Schachbrett angeordnet sind. Jeder Würfel ist mit Fotos, Wachs, Texten und anderen Elementen überzogen. Die Dokumentarfotos habe ich 1997 in einem Zeitraum von sechs Monaten in benachteiligten Gemeinden in der geographischen Peripherie Israels aufgenommen. Die Arbeit erzählt von der Unterdrückung, der Identitätsauslöschung und der Geschichte der Mizrachi-Gemeinde in Israel. Gleichzeitig stellt sie eine Reise dar, eine visuelle Geschichte von Orten, Menschen und Kulturen.

Shula Keshet

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